Aufforderung zum Unfleiß

 

berarbeitete Fassung des Artikels aus der Bundeszeitung der Burschenschaft Hannovera zu Göttingen, Jahrgang 104 (Neue Folge), April 2014, Nr. 1, S. 69-71)

 

Peter Bamm (1897-1975) war ein deutscher Arzt, Journalist und Schriftsteller. Im Ersten Weltkrieg meldete er sich als Kriegsfreiwilliger. Danach studierte er in München, Göttingen und Freiburg Medizin und Sinologie. Im Zweiten Weltkrieg leitete er zuerst in Frankreich und später in Russland ein Lazarett und berichtete darüber in seinem bekannten Buch „Die unsichtbare Flagge“. 1967 erschien in der Droemerschen Verlagsanstalt Zürich seine Essay-Sammlung „Anarchie mit Liebe“, die die geistreiche Abhandlung „Aufforderung zum Unfleiß“ enthält. Ehe dazu im Einzelnen referiert wird, gilt es noch, zwei lateinische Begriffe zu erklären: Der Schriftsteller benutzt „Inertia“ hier im Sinne von Untätigkeit oder Trägheit, „Stultitia“ im Sinne von Torheit oder Einfalt, und das wohl deshalb, weil er auf keinen Fall sich der Gefahr aussetzen wollte, einen Bezug speziell auf ein Göttinger Corps oder eine andere Korporation herzustellen. 

 

Die ersten fünf Absätze des Essays werden im vollen Wortlaut wiedergegeben:

 

„Adam im Paradies war faul. So kann Faulheit nichts Negatives sein. Sie ist nicht der Gegensatz zum Fleiß. Fleiß kommt im Paradies nicht vor. So kann er dort auch keine Entsprechung haben. Der Gegensatz zum Fleiß ist Unfleiß. Diese Einsicht verdanken wir dem Göttinger Corpsstudenten cand. phil. Erwin Kahle. Kahle wurde „wegen Faulheit“ von seinem Geheimrat aus dem Seminar ausgeschlossen. Der Corpsstudent, nicht faul, forderte den Geheimrat wegen Beleidigung auf schwere Säbel. Natürlich, er war schließlich Erster Chargierter des ehrenwerten Corps Inertia! Das ganze hat sich begeben, lange bevor Weltkriege in Mode kamen. Es war zu jener Zeit, als philosophische Fragen noch ernst genommen wurden.

 

Im Café Cron & Lanz auf der Weender Straße in Göttingen gab es große Aufregung. Nachdem sich auch Oberkellner Brüller, der seiner Erfahrungen wegen in Etikettefragen eine gewichtige Stimme hatte, der Seite der schweren Säbel zuzuneigen begann, war jedermann sich darüber im klaren, daß die Lage des Herrn Geheimrats, ehemaligen Ersten Chargierten ehrenwerten Corps Stultitia, prekär war. In die Enge getrieben, blieb ihm nur die Wahl, sein Gesicht zu verlieren oder einige scharfe Schnitte in dasselbe in Kauf zu nehmen. Doch fand der Oberkellner Brüller schließlich eine bessere Lösung.

 

Zweifellos war es – darüber waren alle Stammgäste im Café Cron & Lanz sich einig – das gute Recht des Geheimrats, ein Seminarmitglied wegen provozierender Indolenz aus dem Seminar auszuschließen. Aber zweifellos war es nicht sein Recht, einen so paradiesischen Famulus zu beleidigen. Oberkellner Brüller hatte den entscheidenden genialen Einfall. Dieser Einfall wurde in das Urteil des Ehren-gerichts aufgenommen.

 

Der Geheimrat erklärte, daß ihm die Absicht, Ersten Chargierten Kahl Inertia zu beleidigen, ferngelegen habe. Er nehme daher den Ausschluß desselben aus dem Seminar „wegen Faulheit“ mit Bedauern zurück und schließe ihn nunmehr „wegen Unfleißes“ aus.

 

Von dem Kommers, den das Corps Inertia daraufhin abgehalten hat, wurde noch Semester lang mit Achtung gesprochen!“

 

In der nachfolgenden philosophisch-ironischen Betrachtung kommt Peter Bamm zu der Wertung, Unfleiß sei zwar verwerflich, aber nicht beleidigend, Faulheit hingegen beleidigend, jedoch keine Sünde. Er stellt heraus, dass Fleiß nur eine technische Befriedigung biete, allerdings keine moralische, weil der Fleißige noch fleißiger werden könne. Demgegenüber bedeute Faulheit etwas Absolutes, denn wenn ein Mensch sich gekonnt faul verhalte, sei seine Faulheit nicht mehr steigerungsfähig. Das dazu gegebene Beispiel ist einleuchtend: Während der Fleißige beim Rasieren noch englische Vokabeln lernt, kümmert sich der Faule „platterdings“ nicht einmal darum, was Faulheit auf Englisch heißt. Fazit des Essayisten: „Wer mag schon die Ameise? Auf die Zikade kann man Gedichte machen!“

 

Aber damit sind seine Betrachtungen nicht beendet; vielmehr beruhigt er besorgte Zeitgenossen, die schon das Ende der Menschheit befürchten. Seiner Auffassung nach gibt es keine dümmere Aussage als die, wonach Genie Fleiß sei. Genie sei nämlich die Faulheit, die sich entschlossen habe, fleißig zu werden, weil der Faule sich die Zeit nehme abzuwarten, „bis ein wichtiges Objekt den blauen Himmel seines Nichtstuns kreuzt.“ Betreibe er dann intensiv eine Sache, erziele er Anerkennung, und die brauche er, damit er nicht mit seiner unsterblichen Seele allein sei. Peter Bamm meint, aus dem wimmelnden Ameisenhaufen der Fleißigen entstehe nichts weiter als die moderne Technik, die Kunst erwachse aus dem Fleiß der Faulen!

 

Wir sollten über die Richtigkeit der vorgetragenen Thesen nun keine bundesinterne Diskussion entfachen, sondern diese – gleichgültig, ob der Einzelne von uns mehr dem Fleiß oder dem Unfleiß zuneigt – einfach mal zur Kenntnis nehmen.

 

                                                                                 Henning Tegtmeyer (WS 1961/62)