Gespräch mit einem Zeitzeugen über August Dresbach

 

(Dieser Artikel ist inhaltsgleich in der Bundeszeitung der Grünen Hannoveraner zu Göttingen, Jahrgang 99 [Neue Folge], Göttingen, im Oktober 2009, Nr. 2, S. 30–32 abgedruckt)

 

Als mich Anfang des Jahres 2009 Verbandsbruder Dr. Klaus Oldenhage (Burschenschaft der Norddeutschen und Niedersachsen Bonn et Germania Trier), Vizepräsident des Bundesarchivs a. D. und Vorsitzender der Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung e. V. (GfbG) anrief und fragte, ob wir gemeinsam etwas über August Dresbach schreiben könnten, habe ich sofort zugesagt. Diese Abhandlung sollte im Anschluss an den Hauptteil der Jahresgabe 2008 der GfbG, nämlich der Ausarbeitung von Helma Brunck „Burschenschaften und Burschenschafter in der Weimarer Republik“ erscheinen. So entstand der Artikel „Zur Bekämpfung der neuen Nazis – ein Beitrag von August Dresbach (Hannovera Göttingen 1914) im Deutschen Bundestag“, ausgewählt und erläutert von Klaus Oldenhage und Henning Tegtmeyer, der auf den Seiten 67 – 76 der vorgenannten Jahresgabe abgedruckt ist.

 

Verbandsbruder Oldenhage hatte aber noch eine weitere gute Idee, der ich sofort zustimmte. Er schlug vor, dass wir beide versuchen sollten, gemeinsam mit Verbandsbruder Fritz Hellweg ein Gespräch über August Dresbach zu führen, den er gut gekannt habe. Der Zeitzeuge war mit einem Besuch bei ihm einverstanden, und so suchten wir ihn im April 2009 in seinem Haus in Bonn-Bad Godesberg auf. Wir trafen einen geistig und körperlich äußerst frischen Burschenschafter im Alter von 96 Jahren an.

 

Fritz Hellweg wurde 1912 in Saarbrücken geboren und bezog nach dem Abitur die Universität Marburg, wo er in die Burschenschaft Rheinfranken eintrat. Er studierte Philosophie, Volkswirtschaft, Staatswissenschaften und Geschichte. In Wien und Berlin setzte er sein Studium fort. Nach der Promotion und der Habilitation in Heidelberg war er in unterschiedlichen Funktionen in der Wirtschaft tätig, 1942/43 in der Wirtschaftsgruppe Eisenschaffende Industrie in Saarbrücken, wozu die in Lothringen gelegenen Stahlwerke gehörten. Ab 1949 beriet er die Fraktion der CDU/CSU zur Demontage, zur Saarfrage und zum Schumannplan. Von 1953 bis 1959 war er als Abgeordneter der CDU Fraktionskollege von August Dresbach, bis er Mitglied der Hohen Behörde der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl wurde. 1967 ernannte man ihn zum Vizepräsidenten der neu entstandenen Kommission der Europäischen Gemeinschaften.

 

Verbandsbruder Hellwig hatte sich Notizen gemacht, und so trug er uns bei einer Tasse Kaffee einiges aus dem Leben und Wirken von August Dresbach vor, was er selbst miterlebt hatte oder wovon ihm berichtet worden war.

 

Kennen gelernt hatten sich die beiden Burschenschafter 1942, als Dresbach Redakteur bei der Frankfurter Zeitung (heute: Frankfurter Allgemeine Zeitung) war und etwas über die lothringischen Stahlwerke schreiben wollte. Er musste sich bei der Verwaltungsdienststelle in Saarbrücken melden. Fritz Hellwig begleitete ihn nach Lothringen. Auf der Fahrt zückte unser Bundesbruder sein Zigarrenetui und bot seinem Begleiter daraus an. Zu sehen waren einige normale Zigarren und eine besonders schöne Havanna. Sofort erkundigte sich Hellwig, wie Dresbach in Kriegszeiten dieses Prachtstück erhalten habe. Dieser erklärte, Magret Boveri, der Korrespondentin der Frankfurter Zeitung in New York, sei kurz nach Kriegseintritt der USA gestattet worden, mit einen Dampfer nach Lissabon auszureisen. Sie habe eine Kiste Havanna mitgebracht und auf der ersten Redaktionssitzung, an der sie nach langer Zeit wieder teilnahm, jedem Kollegen zwei geschenkt. Nun gab Dresbach eine weiter – und Verbandsbruder Hellwig erklärte uns schmunzelnd, er könne demnach behaupten, eine gewisse Beziehung

zu der bekannten Journalistin gehabt zu haben.

 

Ab 1949 und erst recht in der Zeit der gemeinsamen Zugehörigkeit zur CDU/CSU- Fraktion nach 1953 lernten sich Hellwig und Dresbach näher kennen. Dabei erfuhr Hellwig, dass Dresbach gern auf dem Rheinhöhenweg wanderte.

 

In privaten Gesprächen äußerte unser Bundesbruder oft, seine Zeit als Journalist sei die schönste seines Lebens gewesen. Dabei bestimmte er seine Arbeitszeit meist selbst. Als Redakteur bei der Kölnischen Zeitung (heute: Kölner Stadt-Anzeiger) wollte der Herausgeber ihn einmal während der allgemeinen Bürodienstzeit dringend sprechen, traf ihm aber nicht an seinem Arbeitsplatz an. Dresbach fand auf seinem Schreibtisch ein Monitum vor, welches er mit dem Bemerken an Herrn NevenDuMont zurückschickte, er ginge davon aus, dass er durch den Anstellungsvertrag dem Zeitungsverleger seinen Kopf und nicht seinen Hintern vermittelt habe.

 

Wenn sehr allgemein Kritik an der Presse geübt wurde, bat Dresbach stets um Zurückhaltung, denn seiner Auffassung nach handelte es sich um einen weit gespannten Begriff, den man erst richtig ermessen könne, wenn man bereit sei, eine Krankenschwester und eine Prostituierte unter den einheitlichen Begriff „Öffentliche Dienstleisterinnen“ zu subsumieren.

 

Bei Debatten im Bundesstag und in Ausschüssen trat August Dresbach oft durch geistreiche Zwischenrufe hervor. Als beispielsweise in einer Ausschusssitzung ein Abgeordneter der SPD sich an die CDU wandte und sagte: „Lassen Sie doch um Gottes Willen von diesem Vorhaben ab ...“, fiel ihm Dresbach ins Wort und erklärte: „Den lieben Gott anzurufen steht nur der CDU zu!“ – und damit war der Debatte die Schärfe genommen.

 

Verbandsbruder Hellwig erinnerte sich noch sehr genau an eine Fraktionssitzung der CDU/CSU, an der Bundeskanzler Adenauer nicht teilnahm. Es sollte eine Maßnahme beschlossen werden, die Adenauer selbst angeregt hatte. Diese fand nicht Dresbachs Zustimmung. Der Fraktionsvorsitzende verbat sich kritische Äußerungen unter Hinweis darauf, der Bundeskanzler favorisiere das Vorhaben. Ungerührt antwortete Dresbach sinngemäß: „Adenauer und ich, wir wissen beide genau, was ich an Kritik wagen darf, denn ich gehöre zu den wenigen Leuten, die Konrad Adenauer in der Nazizeit öfters besucht habe, als er sozusagen in der Verbannung lebte.“

 

Adenauer und Dresbach möchten sich. Unser Bundesbruder hatte einen stark umkämpften Wahlkreis. Als Adenauer erfuhr, dass August Dresbach im Wahljahr 1957 nicht über die CDU-Landesliste Nordrhein-Westfalen abgesichert war, sorgte er dafür, dass die besten Wahlkampfredner der CDU in Dresbachs Wahlkreis auftraten, um ihn zu unterstützen.

 

Unbestritten war August Dresbach ein ausgezeichneter Redner. Wahrscheinlich deshalb erhielt er Einladungen insbesondere aus burschenschaftlichen Kreisen, die Festrede auf einem bedeutenden Kommers zu halten. Unser Bundesbruder lehnte solche Ansinnen regelmäßig ab, war aber bereit, den Anfragenden zu helfen. So bat er einmal Fritz Hellweg, die Festansprache zu übernehmen, denn ihm, Dresbach, fehle die Gabe, bei einer solchen Veranstaltung das erforderliche Pathos zu entwickeln, das die Zuhörer in den Bann ziehe.

 

Zu Ende unseres Besuchs erfreute uns Verbandsbruder Hellwig noch mit zwei bemerkenswerten Erlebnissen, die er mit August Dresbach hatte:

 

Im Sommer 1954 trat in Berlin-West die Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten zusammen. Viele Abgeordnete waren schon am Tage zuvor angereist. Die CDU hatte für ihre Mitglieder Karten in einem politischen Kabarett reservieren lassen, welches offensichtlich das Programm etwas geändert hatte. Zwei Kabarettisten spielten Bundestagsabgeordnete der CDU. Einer von ihnen sagte seinem Gegenüber, irgendwas müsse mal gesagt werden (Verbandsbruder Hellwig erinnerte sich nicht mehr an Einzelheiten, aber es war etwas politisch Provokantes). Der zweite Kabarettist beschwichtigte seinen Kollegen, so etwas solle er tunlichst nicht äußern, das dürfe man nur, wenn man Dresbach heiße. Der Heiterkeitserfolg war groß. Aber die Geschichte ging noch weiter. Am nächsten Morgen spazierte das Ehepaar Hellwig über den Kurfürstendamm und sah August Dresbach in einem Straßencafé frühstücken. Man begrüßte sich und Fritz Hellwig bemerkte zu Dresbach: „Die Kabarettreife hast Du ja gestern Abend erhalten, nun ist es sicher nicht mehr weit bis zur Kabinettreife!“ Unser Bundesbruder lachte über das Wortspiel, entgegnete aber sofort, dass er nie ein entsprechendes Amt übernehmen werde.

 

Etwa fünf Jahre später wurde Heinrich Lübke, damals Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Kandidat der Christdemokraten für das Amt des Bundespräsidenten. Er verabschiedete sich in einer Fraktionssitzung der CDU/CSU von seinen bisherigen Kollegen und wurde zum Schluss seiner Ansprache etwas pathetisch, was August Dresbach nicht gefiel. Heinrich Lübke bedauerte, dass er sich im neuen Amt nicht mehr aktiv politisch betätigen dürfe. Als langjähriger Landwirtschaftsminister wisse er, wovon er rede: Er werde auch in Zukunft gegen den Hunger in der Welt kämpfen, denn das sei die größte Geißel der Menschheit. August Dresbach, dem das alles zu dick aufgetragen vorkam, bemerkte leise, aber doch so laut, dass die um ihn herumsitzenden Abgeordneten es verstehen konnten: „Durst ist viel schlimmer!“ – womit er Recht hatte, wenn man die Angelegenheit aus naturwissenschaftlicher Sicht betrachtet.

 

Henning Tegtmeyer (WS 1961/62)