Bundesbrüder in der ehemaligen DDR

(Überarbeitete Fassung des Artikels aus der Bundeszeitung der Grünen Hannoveraner zu Göttingen, Jahrgang 86 (Neue Folge), Oktober 1996, Nr. 2, S. 26–30)

Eine Sentenz im dem einfühlsamen Nachruf (Bundeszeitung der Grünen Hannoveraner zu Göttingen, Jahrgang 85 (sic) (Neue Folge), April 1996, Nr. 2, S. 15 f.) von Bundesbruders Alexander Hämmerling für unseren verstorbenen Alten Herrn Reinhold Drähne hat mich nachdenklich gestimmt. Da steht zu lesen, Alter Herr Drähne habe sich oftmals besorgt gefragt, ob die Bundesbrüder in Göttingen ihn für einen Kommunisten halten könnten, weil er in Seehausen geblieben sei. Ich bedauere, es ihm nicht mehr sagen zu können, aber diese Sorge ist wirklich unbegründet gewesen. Im Einzelnen komme ich darauf noch zurück.

Zu Beginn der 50er Jahre wohnten in der DDR folgende Alte Herren:

Dr. med. Hermann Deppe (SS 1893), prakt. Arzt in Gnadau (Kreis Schönebeck/Elbe), gestorben daselbst am 30. Juni 1954

Dr. med. Friedrich Holz (SS 1905 Germania Jena, SS 1906 Hannovera), prakt. Arzt und Hafenarzt in Stralsund, gestorben daselbst am 30. August 1962

Walter Günther (WS 1911/12) Studienrat in Staßfurt, später in Köln

Dr. jur. Alfred Colberg (SS 1913), Jurist in Gotha, später in Alfeld/Leine

Dr. jur. Walter Schmidt (WS 1921/22), Rechtsanwalt und Notar in Bad Langensalza, später in Gießen

Rudolf Matthäi (SS 1925), Studienrat in Weißenfels, später in Berlin (West)

Dr. med. Max Pankow (SS 1926), Oberarzt an der Charité in Berlin (Ost), später in Hamburg

Erich Jaeger (SS 1925 Germania Jena, SS 1927 Hannovera), prakt. Arzt in Eythra bei Leipzig, später in Bremen

Walter Stüber (SS 1928), Zahnarzt in Altenburg, später in Köln

Dr. agr. Martin Tegtmeyer (SS 1930), Universitätsprofessor in Halle/Saale, später in Kiel

Dr. med. Hans-Joachim Wilhelm (SS 1930), Chefarzt in Fürstenberg/Havel, später in Laubach (Kreis Gießen)

Dr. jur. Herbert Hemprich (SS 1932), Oberkonsistorialrat in Magdeburg, später in Oldenburg/Oldbg.

Dr. med. Reinhold Drähne (WS 1934/35), prakt. Arzt in Seehausen (Kreis Wanzleben), gestorben daselbst am 15. August 1995

 

Der Vollständigkeit haber sei erwähnt, dass Otto-Ernst Tickardt (WS 1928/29), Intendant am Theater in Heiligenstadt und später in Greiz, formell noch in Mitgliederlisten der Hannovera bis 1952 geführt wurde, obwohl er zu diesem Zeitpunkt weder zum Bund noch zu einem Bundesbruder Kontakt hatte.

Viele der 1950 in der DDR wohnenden Bundesbrüder kannten sich zunächst nicht persönlich, weil sie zu unterschiedlichen Zeiten in Göttingen studiert hatten und das Verbindungsleben alsbald nach 1933 andere Formen annahm, um dann ganz zum Erliegen zu kommen. Zweifelsohne hielten sie Kontakte zu im Westen lebenden Bundesbrüdern, insbesondere zu Konsemestern, Leibburschen oder Leibfüchsen. Sie bekamen Rundschreiben des Altherrenausschusses, gelegentlich auch Grüße von der Aktivitas, und manchmal gab es sogar Pakete mit nahrhaftem Inhalt. Die innerdeutsche Grenze wurde zwar bewacht, war aber anfangs noch nicht mit Minen und Todesstreifen versehen, so dass man - wie ich aus eigenem Erleben weiß - nachts von einem "Bärenführer" für Geld über die "grüne Grenze" gebracht werden konnte. Nach solchen Grenzgängen war eine Stippvisite in Göttingen oder bei einigen Bundesbrüdern möglich. Auch gab es Zeiten, vornehmlich nach dem Volksaufstand 1953 im Zeichen des "Neuen Kurses", in denen zumindest für einen Teil der Familie ein Interzonenpass ausgestellt wurde. So erinnere ich mich, dass ich 1956 für eine Woche mit meinem Vater auf Verwandtenbesuch in seiner Heimatstadt Gütersloh weilen durfte und dabei Alten Herrn Richard Stüber kennenlernte.

Ich glaube kaum, dass viele in der Bundesrepublik Deutschland ansässige Alte Herren jemals in die DDR gefahren sind und dann Bundesbrüder aufgesucht haben. Vielleicht erinnere ich mich deshalb sehr deutlich daran, dass eines Tages Alter Herr Erich Juchheim bei uns hereinschaute. Nach einem Treffen mit Verwandten übernachtete er bei uns - und was seinen Besuch bei mir so nachhaltig einprägte, waren mehrere Tafeln Schokolade. die er meinem Bruder und mir schenkte, eine Köstlichkeit, die in kleine Teile zerlegt wurde, damit sie über längere Zeit reichte.

Falls mich nicht alles täuscht, war es Alter Herr Walter Schmidt, der eine ausgezeichnete Idee hatte: Wenn die in der DDR lebenden Grünen nicht zum Stiftungsfest nach Göttingen fahren konnten, dann sollten sie miteinander ein Stiftebier im Osten veranstalten. Einbezogen wurde auch Frau Charlotte Ladebeck, die Witwe unseres 1948 verstorbenen Alten Herrn Dr. med. Werner Ladebeck, sowie ihr Sohn Hans-Ernst. So habe ich ihn und einige andere Altherrensöhne bereits in der DDR kennengelernt, ohne dass wir wussten, dass wir später einmal gemeinsam das grün-weiß-rote Band tragen würden.


Mit Ausnahme der Bundesbrüdern Holz und Pankow haben alle in der DDR wohnenden Alten Herren zumindest an einem dieser Stiftebiere teilgenommen, ganz überwiegend mit Familie. Ich bin nicht ganz sicher, aber ich meine, die erste Veranstaltung fand 1952 in Halle/Saale statt. Danach gab es Treffen in Bad Langensalza, Altenburg, Eythra, Fürstenberg und Magdeburg, ob in dieser Reihenfolge weiß ich nicht mehr genau. Nach Fürstenberg und Magdeburg haben mich meine Eltern nicht mitgenommen, so dass ich lediglich etwas von den anderen bundesbrüderlichen Zusammenkünften berichten kann, selbstverständlich nur insoweit, wie ich das als Kind bzw. Jugendlicher aufgenommen habe. Darüber hinaus ist zeitbedingt manches nur noch schemenhaft in Erinnerung, und wenn es richtig spannend wurde, nämlich der "Kommers" stieg, musste ich leider altersbedingt ins Bett!

Für das Stiftebier in Halle/Saale wurde ein Programm entworfen, die Einladungen wurden versandt. Als Alten Herrn Deppes Antwort einging, begann ein fleißiges Raten. Alle Familienangehörigen versuchten, seine Hieroglyphen zu entziffern. Was den Apothekern im Einzugsbereich seiner Praxis vielleicht mit viel Routine glückte, wir hatten große Schwierigkeiten, d. h. es gelang nur teilweise. Er wollte kommen und bat um ein Quartier in der Nähe des Tagungsortes, weil seine Frau ... sei. "Sehenswert", meinte der Familienrat schließlich, was nicht sein konnte, aber die Spannung erhöhte. Als wir ihm später seine Postkarte vorlegten, erklärte er meinem Vater ungerührt, das könne doch jeder Fuchs lesen, er habe nämlich sehr deutlich "gehbehindert" geschrieben.

Ich erinnere mich noch an einen Spaziergang im Saaletal mit Besichtigung der Burg Giebichenstein. Anschließend fand auf der anderen Saaleseite ein erster Umtrunk in der Bergschänke statt, einem der schönsten Biergärten Deutschlands (inzwischen wieder als solcher geöffnet!). An der Abendveranstaltung in einem separaten Zimmer einer bekannten Gaststätte am Leipziger Turm durfte ich natürlich nicht teilnehmen. Am darauf folgenden Morgen machte meine Mutter meinem Vater Vorwürfe, insbesondere er, aber auch andere Bundesbrüder hätten viel zu laut gesungen und die warnenden Hinweise des wohlmeinenden Kellners nicht beachtet. Mein Vater verteidigte sich tapfer, indem er darauf hinwies, die Bundesbrüder hätten bei "Sind wir nicht voll Mut und Kraft" die Lautstärke drastisch gesenkt. Bei "Vallderie juchhe" sei zwar crescendo festzustellen gewesen, jedoch sei dieser Text völlig unverdächtig.

Das folgende Treffen in Bad Langensalza ist mir insofern noch in guter Erinnerung, als ein Exbummel zum Burschenschaftsdenkmal in Eisenach stattfand. Die direkte Verbindung über die jetzige Bundesstraße 64 durfte nicht benutzt werden, weil sie durch einen Truppenübungsplatz der sowjetischen Streitkräfte führte. Daher mussten wir über Gotha fahren. Das Burschenschaftsdenkmal verfiel vor sich hin - eine Absperrung sollte dafür sorgen, dass ihm niemand zu nahe kam. Hans-Friedrich Wilhelm, meinen Bruder und mich störte das wenig; wir überwanden den Drahtverhau und kletterten an der Denkmalswand empor, so dass wir einen Blick in das Innere werfen konnten. - Die Rückfahrt verlief äußerst spannend. Alter Herr Walter Stüber war stolzer Besitzer eines älteren, wenig leistungsstarken Opels. Als Chefarzt verfügte Alter Herr Hans-Joachim Wilhelm über einen größeren Dienstwagen mit Fahrer, der Rest saß in Taxen aus Bad Langensalza, auch etwas klapprig. So entwickelte sich auf der hügeligen, kaum befahrenen Straße von Gotha nach Bad Langensalza ein spannendes Wettrennen. Immer, wenn es bergab ging, wurde der Opel von Alten Herrn Walter Stüber zu Höchstleistungen getrieben und überholte, aber an der nächsten Steigung konnte er wieder eingeholt werden.

Von dem Treffen in Altenburg weiß ich noch, dass uns Alter Herr Walter Stüber auf die Burg führte, wo wir das Skatmuseum besichtigten. Dann ging es in ein Café, in dem es – Wunder fanden gelegentlich auch in der DDR statt -  große Eisbecher mit Früchten und Schlagsahne gab. Der Sohn von Alten Herrn Walter Stüber fragte seinen Vater pflichtschuldig, ob er einmal probieren wollte. Als dieser bejahte und einen vollen Löffel nahm, rief der Sohnemann empört: "Aber nicht so viel!" Es gab nicht nur ein schallendes Gelächter, fortan beherrschte dieser Ausruf die weiteren Veranstaltungen, denn wenn sich jemand beim Mittagessen etwas auf den Teller lud oder sich die Bundesbrüder zutranken, irgendeiner mahnte mit den Worten des jungen Stübers stets zur Mäßigung.

Von Eythra ist mir lediglich in Erinnerung, dass der Ort nahe dem Braunkohlen-tagebau lag. Inzwischen habe ich erfahren, dass die Ortschaft ganz der Kohle weichen musste.

Aus den dargestellten Einzelheiten mag man ersehen, dass die Stiftebiere in der DDR einen familiären Charakter hatten. Im Herbst 1956 haben sich allerdings einige Alte Herren, u. a. mein Vater, ohne Familie in Erfurt getroffen. Auf dem Südfriedhof legten sie am Grab unseres Bundesbruders Iwan Lorentzen zu dessen 100. Geburtstag einen Kranz nieder (vgl. das Foto in der Bundeszeitung der Grünen Hannoveraner zu Göttingen, Jahrgang 47 (Neue Folge), Nr. 1, Juli 1957, das aber möglicherweise nicht in allen Exemplaren eingeheftet ist).

Alter Herr Deppe ist 1954, Alter Herr Holz 1962 in der DDR verstorben. Den Alten Herren Günther und Colberg wurde später gestattet, als Rentner im Wege der Familienzusammenführung die DDR zu verlassen. Bis zum Mauerbau 1961 ist es mit Ausnahme von Alten Herrn Drähne allen anderen Bundesbrüdern (ebenso Familie Ladebeck) vergönnt gewesen, in die Bundesrepublik Deutschland überzusiedeln. Hauptsächlicher Grund für die Flucht war die Sorge um die schulische bzw. berufliche Entwicklung ihrer Kinder.

 

Dass und wie sich Bundesbrüder bei der Vorbereitung der Flucht entschieden unterstützten, möchte ich mit wenigen Worten darstellen. Alter Herr Matthäi, der in Berlin (West) eine neue Heimat fand, hatte ein Reihenhaus in Berlin-Britz gemietet. In einem Kellerraum waren Regale und Schränke aufgestellt, in denen Verwandte, Bekannte, ehemalige Schüler und auch wir nach und nach Sachen deponierten. Mein Vater musste häufig dienstlich nach Berlin·(Ost) und besuchte anschließend Matthäis, d. h. er fuhr mit vollem Koffer von Halle/Saale los und kam mit fast leerem zurück.

Als unsere Flucht aus der DDR für den Freitag vor Pfingsten 1958 beschlosse Sache war, fuhr meine Mutter etwa vier Wochen vorher nach Fürstenberg/Havel zu Familie Wilhelm. Diese schickte uns eine Einladung, sie über Pfingsten zu besuchen. Wir bestätigten die Einladung. Zur Sicherheit wurden in Fürstenberg sogar die Gästebetten bezogen. Mein Vater musste zu einer Sitzung der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften in Berlin (Ost); den Rest der Familie brachte ein Bekannter mit seinem Auto nach Potsdam, wohin man, ohne Kontrollen befürchten zu müssen, von Halle/Saale aus gelangen konnte. Dort kauften wir uns Fahrkarten nach Fürstenberg/Havel und bestiegen die S-Bahn, die durch den Westsektor zum damaligen Ostbahnhof fuhr. Noch galt es, die Grenzkontrolle in Babelsberg zu passieren, aber die VoPos interessierten sich nicht sonderlich für uns. Am Bahnhof Zoo verließen wir die S-Bahn, tauschten in einer der vielen Wechselstuben Ost-Mark gegen Westgeld und riefen Alten Herrn Matthäi an. Wir gingen davon aus, dass sich mein Vater dort längst gemeldet hätte, hörten aber zu unserer Enttäuschung, dass er noch nicht angerufen hatte. Nun war guter Rat teuer, denn wir hatten verabredet, dass wir nach Fürstenberg/Havel weiterfahren wollten, falls es für uns in Babelsberg unübersehbare Schwierigkeiten geben würde oder mein Vater aus was für Gründen auch immer nicht von Berlin (Ost) nachWestberlin kommen konnte. Da es früher Nachmittag war, beschlossen wir, zunächst nach Berlin-Britz zu fahren. Dort erfreute uns die Nachricht, dass nunmehr auch mein Vater angerufen hatte - die Sitzung war gegenüber sonstigen Gepflogenheiten mittags noch nicht beendet. So schlossen wir uns wenig später glücklich und erleichtert in die Arme. Alter Herr Matthäi schickte einen harmlos klingenden Pfingstgruß an Alten Herrn Wilhelm – aus dem abgesprochenen Text konnte man in Fürstenberg/Havel ersehen, dass unsere Flucht gelungen war.

Und nun zum Ausgangspunkt: Wenige Wochen nach unserer Flucht konnten wir am 110. Stiftungsfest in Göttingen teilnehmen. Alter Herr Drähne und seine Frau waren ebenfalls anwesend. Sie hatten einen Interzonenpass zum Besuch eines Ärzte-kongresses. Ich erinnere mich noch genau, wie meine Eltern und andere Bundes-brüder mit Drähnes darüber sprachen, ob sie im Westen bleiben sollten. Für Alten Herrn Drähne hätte sofort die Möglichkeit bestanden, seine ärztliche Tätigkeit hier auszuüben. In Übereinstimmung mit seiner Frau meinte er aber, er müsse - zumal er keine Kinder habe - wieder zurück. Denn angesichts des chronischen Ärztemangels dürfe er seine Patienten nicht im Stich lassen. Wenn alle gingen, so wurde gemutmaßt, würden bald Polen, Russen oder gar Chinesen in der DDR angesiedelt. Und schließlich bleibe das Schlupfloch Westberlin Berlin, wenn es zu schlimm würde.

In der damaligen Gesprächsrunde drückten die Bundesbrüder Alten Herrn Drähne ihre Hochachtung gegenüber seiner Einstellung aus. Kein Bundesbruder sollte je auf den Gedanken kommen, Alter Herr Drähne habe nur etwas mit dem Kommunismus geliebäugelt. Ganz im Gegenteil - seine von burschenschaftlicher Gesinnung und ärztlichem Ethos geprägte Verhaltensweise verdient unseren Respekt, denn auch 1958 war unübersehbar, dass politische Drangsal und schlechte materielle Verhältnisse mit einem Leben in der DDR verbunden waren.

                                                                                 Henning Tegtmeyer (WS 1961/62)