Auf Flügeln des Gesanges

 

 (Jenny Lind und Felix Mendelssohn Bartholdy)

 

(Überarbeitete Fassung des Artikels aus der Bundeszeitung der Burschenschaft Hannovera zu Göttingen, Jahrgang 104 (Neue Folge), April 2014,  Nr. 1, S. 68-69)

 

Die erste Zeile des Gedichtes von Heinrich Heine, das Felix Mendelssohn Bartholdy vertont hat, war Titel der Veranstaltung „Zweiklang! Wort und Musik“ am 28. Oktober 2012 im Robert-Schumann-Saal des Museums Kunstpalast in Düsseldorf. Es ging um Jenny Lind und Felix Mendelssohn Bartholdy. In dem Wort-Musik-Programm rezitierte die Schauspielerin Hannelore Elsner einen Text, den Wolfgang Knauer, der Vater des Pianisten Sebastian Knauer, aus der Sicht der schwedischen Operndiva unter Auswertung von Briefen und Zeitdokumenten verfasst hat. Die Wortbeiträge von Hannelore Elsner wurden durch virtuos gespielte Musikbeiträge von Sebastian Knauer untermalt oder umrandet, wobei Lieder sowie Teile von Klavierkonzerten oder Oratorien von Mendelssohn Bartholdy zu Gehör kamen.

 

Es begann allerdings mit dem Märchen „Die Nachtigall“ von Hans Christian Andersen. Der dänische Dichter hatte Jenny Lind 1843 während ihrer Tournee in Dänemark kennen gelernt und sich in sie verliebt. Aber sie erwiderte seine Gefühle nicht. So schrieb er das Märchen von der Nachtigall: Diese singt dem sterbenskranken chinesischen Kaiser etwas vor, er erholt sich ob ihres Gesanges von seinen Leiden und bittet sie, für immer bei ihm zu bleiben. Aber die Nachtigall entgegnet, das sei nicht möglich, denn sie müsse hinaus in die Welt und vielen Menschen mit ihren Liedern Freude bereiten. Natürlich blieb es kein Geheimnis, wen Andersen in seinem Märchen mit dem Kaiser sowie mit der Nachtigall gemeint hatte, und so sprach alle Welt mit großem Respekt von Jenny Lind alsbald von der „Schwedischen Nachtigall“.

 

Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847) und Jenny Lind (1820–1887) lernten sich 1844 in Berlin kennen. Der Künstler, ein begnadeter Komponist, ein hervorragender Pianist, der Dirigent des Leipziger Gewandhausorchesters und Leiter des dortigen Konservatoriums stand auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Er war von der jungen schwedischen Sopranistin begeistert, die vor ihrem ersten Operndebüt außerhalb Skandinaviens starke Selbstzweifel hatte, ob sie auch in Berlin Erfolg haben würde. Er zerstreute ihre Bedenken, und sie sah in ihm, wie sein Vorname schon ausdrückte, eine Glücksgestalt. Ganz anders als sie kam er aus einer wohlhabenden Familie, hatte Eltern, die ihm eine exzellente Ausbildung angedeihen ließen. Schon als Junge durfte er bedeutenden Persönlichkeiten vorspielen, hatte weiterhin im Leben als Musiker bestes Ansehen und war in ganz Europa als Dirigent gefragt. Dieser Mann, der sich so großartig um sie kümmerte, in ihn verliebte sich Jenny Lind, obwohl er auch einen Fehler hatte: Er war nämlich verheiratet!

 

Im Herbst 1845 lud Felix Mendelssohn Bartholdy Jenny Lind nach Leipzig ein, wo sie von ihm am Flügel begleitet einige Konzerte gab. Als sie sich einmal für eine Zugabe selbst an ein Klavier setzte und ein schwedisches Volkslied sang, war er hingerissen. Er sagte ihr, das hohe Fis in ihren Gesang habe so wunderbar geklungen, daraus wolle er etwas machen.

 

Auf ihrer nächsten Reise von Berlin nach Wien machte Jenny Lind Station in Leipzig. Felix Mendelssohn Bartholdy stellte sie seiner Familie vor. Seine Frau Cécile blieb reserviert. Von Wien aus berichtete die Sängerin nach Leipzig über die Begeisterungstürme, die ihr das dortige Publikum entgegenbrachte. Sie fügte an, in Wien habe sie für eine vierwöchige Tätigkeit eine höhere Gage erhalten als für ein viermonatiges Engagement in der preußischen Hauptstadt. Auf ihrer Rückfahrt nach Berlin wählte die schwedische Nachtigall eine Route über Frankfurt am Main, wo sie sich mit Mendelssohn Bartholdy traf.

 

Im darauf folgenden Jahr unternahmen beide eine Konzertreise. Düsseldorf, Köln und Lüttich waren Stationen, ehe sie in Aachen zum Rheinischen Musikfest eintrafen; dort wurde sie abermals unglaublich gefeiert. Da man im Rheinland war, schloss sich – trotz beruflicher Überlastung von Mendelssohn Bartholdy - eine Rheinfahrt an. Er wies auf die berühmten Sehenswürdigkeiten links und rechts am Ufer hin und schilderte der Schwedin natürlich auch die Sage um die Loreley. Dann bedeutete er ihr, er wolle für sie die Oper „Loreley“ komponieren. Aber das waren Vorstellungen, die sich angesichts des landauf, landab bekannten Gedichtes von Heinrich Heine nur schwer in die Tat umsetzen ließen, denn wie sollte aus einer Nixe, die durch ihren verführerischen Gesang die Schiffer vom Kurs ablenkte und in den Tod trieb, nun eine Sopranvirtuosin werden, welche überall die Menschen erfreute? Jedenfalls fand sich niemand, der das Libretto schrieb, und so blieb das Werk unvollendet.

 

1846 arbeitete Felix Mendelssohn Bartholdy außerdem wie besessen daran, sein Oratorium „Elias“ fertig zu stellen, das am 26. August 1846 in Birmingham uraufgeführt werden sollte. Als sich Jenny Lind zum ersten Mal die Noten der darin enthaltenen Arie „Höre, Israel“ ansah, wusste sie, dass er diese für sie komponiert hatte, denn das hohe Fis war an herausragender Stelle vorgesehen. An der Uraufführung konnte sie allerdings nicht mitwirken, denn sie war an diesem Tage vertraglich an einer Bühne in London verpflichtet und wollte auf keinen Fall vertragsbrüchig werden.

 

Selbstverständlich war bei dem Treffen in Frankfurt am Main, auf der Konzertreise und auf der Rheinfahrt stets eine Gouvernante dabei, jedoch verstummten die Gerüchte nicht, zwischen beiden habe nicht nur eine innige Freundschaft und eine Seelenverwandtschaft bestanden, sondern auch eine Romanze stattgefunden. Wie dem auch sei, aus den Texten, die Hannelore Elsner vortrug, ergab sich kein eindeutiges Ergebnis, und das war auch gut so. Als Jenny Lind vom plötzlichen, frühen Tod von Felix Mendelssohn Bartholdy erfuhr, schrieb sie an eine mütterliche Freundin: „Er war der einzige Mensch, dem ich eine tiefe Zuneigung entgegen-brachte. Der einzige, der meinem Leben Gemüt und Ruhe geben konnte, und kaum hatte ich ihn gefunden, da habe ich ihn schon wieder verloren.“

 

Henning Tegtmeyer (WS 1961/62)