Briefe von und an Bundesbruder Johannes Rösing


(Überarbeitete Fassung des Artikels aus der Bundeszeitung der Grünen Hannoveraner zu Göttingen, Jahrgang 101 (Neue Folge), Oktober 2011, Nr. 2, S. 29–37)

 

Hinweis: Die in Klammern stehenden kursiv geschriebenen Textstellen in einem den Beteiligten zugeschriebenen wörtlichen Zitat sind vom Verfasser dieses Beitrages eingefügt worden.) 

Im Norbert Klatt Verlag, Göttingen, erschien 2003 das 216 Seiten umfassende Buch „Rheinromantik und Civil War - Im diplomatischen Dienst in den Vereinigten Staaten von Amerika - Briefe von Rudolph Schleiden, Johannes Rösing und Clara von Ammon aus den Jahren 1862-1874". Ein weiteres Werk aus diesem Verlag mit dem Titel „Johannes Rösing und Clara von Ammon - Briefe aus der Verlobungszeit 1863 - über Köln, Bremen und die erste internationale Postkonferenz in Paris" weist 209 Seiten auf und kam 2009 auf den Markt. Der Inhaber des Verlages, Dr. Norbert Klatt, bearbeitete die Briefe, die er von einer inzwischen verstorbenen Enkelin unseres Bundesbruders zur Einsichtnahme erhalten hatte, und besorgte die Edition.

Hinzuweisen ist zunächst darauf. dass das erstgenannte Buch einen Zeitraum umfasst, in der die Verlobungszeit von Johannes Rösing und Clara von Ammon liegt. Deshalb sind in dem letztgenannten Werk einige Briefe der Verlobten enthalten, die bereits in dem im Jahre 2003 erschienenen Buch abgedruckt wurden. Darüber hinaus ist Folgendes bemerkenswert: Was 2009 verlegt wurde, ist kein Buch im herkömmlichen Sinne, kann also nicht als gedrucktes und gebundenes Exemplar erworben werden. Es wurde als virtuelles Buch ins Internet gestellt, welches aber - sogar kostenfrei – in Form einer PDF-Datei heruntergeladen und ausgedruckt werden darf.

Die weiteren Ausführungen werden nur verständlich, wenn einige biografische Angaben über die beteiligten Briefschreiber vorangestellt werden.


Rudolph Schleiden

Er wurde 1815 auf einem Gutshof bei Plön geboren und starb 1895 in Freiburg im Breisgau, studierte Rechts- und Kameralwissenschaft, war ab 1840 dänischer Beamter für Holstein und Schleswig. 1848 trat er von diesem Posten zurück und stand ab 1852 im Dienst der Stadt Bremen als Gesandter bei der Regierung der USA in Washington D. C. Als solcher war er ab 1861 Vorgesetzter des Attachés Johannes Rösing. Dem war er stets ein väterlicher Freund und Förderer. 1864 wurde er der bremische Gesandte in London. Als 1864 Preußen und Österreich Krieg gegen Dänemark begannen, äußerte er sich sehr undiplomatisch über Bismarck und das Vorgehen der Verbündeten, so dass ihm bald nahegelegt wurde, seinen Posten aufzugeben. Rudolph Schleiden war danach einige Zeit Stadtrat in Altona. Von 1871 bis 1873 gehörte er dem Deutschen Reichstag an.

Johannes Rösing

Johannes Rösing, 1833 in Bremen geboren, 1909 in Berlin gestorben, begann 1852 sein Jurastudium in Heidelberg, bezog danach die Universität Berlin und wechselte zum WS 1855/56 nach Göttingen. Dort trat er der Hannovera bei. Nach Studien-
abschluss und Promotion zum Dr. jur. ließ er sich in Bremen als Rechtsanwalt nieder. Um seine Einkünfte zu verbessern, wurde er freier Mitarbeiter bei verschiedenen Zeitungen. Auf dem 10. Stiftungsfest der Hannovera lernte Johannes Rösing seinen Bundesbruder Bernhard von Ammon (* 1838 in Köln, + 1900 in Witten, aktiv WS 1857/58, Dr. phil., Chemiker, später Glashüttenbesitzer) kennen. Zwischen beiden entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft: Bernhard von Ammon lud seinen Bundesbruder alsbald in sein Elternhaus ins Rheinland ein. 1861 wurde Johannes Rösing Attaché der Gesandtschaft der Hansestadt Bremen bei der Regierung der Vereinigten Staaten. Nach dem Tode seines Vaters im Herbst 1862 kehrte er nach Bremen zurück und versuchte, eine Anstellung zu finden, die es ihm ermöglichte, eine Familie zu ernähren. Am 4. April 1863 verlobte er sich mit Clara von Ammon in Köln. Kurz darauf reiste er über Bremen nach Hamburg und Lübeck und erreichte. dass ihm die drei Hansestädte die Stelle eines Gesandten bei der ersten Internationalen Postkonferenz vom 11. Mai bis zum 8. Juni 1863 in Paris übertrugen. Bald nach der Hochzeit am 3. Januar 1864 fuhr das junge Ehepaar nach Amerika. Johannes Rösing war Legationssekretär der bremischen und kurz danach zugleich der hamburgischen Gesandtschaft in Washington D. C., dann der Geschäftsträger beider Hansestädte. Bemerkenswert ist, dass das junge Paar in New York wohnte und er immer wieder für einige Zeit nach Washington D. C. fuhr, um dort seine Amtsgeschäfte wahrzunehmen. Auch aus dieser Zeit gibt es einen umfangreichen Briefwechsel der Eheleute.

Clara Rösing geborene von Ammon

Sie war die 1843 in Köln geborene Tochter des Geheimen Justizrates und Appellationsgerichtsrates Friedrich Ferdinand von Ammon und seiner Ehefrau Clara geborene Delius; ihr Großvater war Regierungspräsident von Köln. Von ihren zahlreichen Geschwistern ist vor allem Bernhard zu nennen, der der Hannovera angehörte. Die Familie von Ammon, die in Köln wohnte, hatte einen Landsitz in Laach (heute: Maria Laach), den sie 1863 verkaufte. Etwa zur selben Zeit erwarb sie in Niederdollendorf (heute ein Stadtteil von Königswinter) ein ähnliches Anwesen, auf dem die Familie in den Sommermonaten lebte. Clara Rösing überlebte ihren Ehemann Johannes 22 Jahre und starb 1931. 

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Während der Verlobungszeit 1863 schrieb sich das Brautpaar keine eigentlichen Liebesbriefe, sondern unterrichtete sich alle paar Tage – meist, nachdem ein Brief des anderen eingetroffen war – darüber, was es an Neuigkeiten im Verwandten- und Bekanntenkreis gegeben hatte. Gelegentlich teilte man sich auch Ereignisse und Begebenheiten aus dem politischen oder gesellschaftlichen Bereich mit, die man erlebt oder gehört hatte und von denen anzunehmen war, dass sie den anderen interessierten. Insoweit sind Rösings Briefe viel inhaltsreicher, denn er war häufig auf Reisen; seine Verlobte hingegen hielt sich überwiegend in Köln oder Niederdollendorf auf.

Hannovera

Zunächst wird einiges dargestellt, was sich Johannes Rösing und Clara von Ammon über die Hannovera bzw. einzelne Bundesbrüder mitteilten. Rösing, der bereits wenige Tage nach der Verlobung wieder in Bremen weilte, berichtete seiner Braut, dass er in seiner Geburtsstadt etliche Besuche bei Verwandten und Bekannten machen musste. So suchte er auch seinen Freund und Verbindungsbruder Dr. jur. Carl Schellhass auf, mit dem er zudem weitläufig verwandt war. Er traf jedoch nur dessen junge Frau an, die eine Schwester unseres Bundesbruders Dr. med. Hermann Barkhausen war. Diese gratulierte Rösing zur Verlobung und führte ihn in das Schlafzimmer, um dem Besucher ihren 14 Tage alten Sohn zu zeigen. Das hielt ihr Mann für ungehörig, und als er später von dem Vorfall erfuhr, „setzte er seine Frau zurecht“, wie Rösing schrieb. In einem anderen Brief berichtete er seiner Verlobten, er habe bei einem Konzert einige Grüne aus Oldenburg sowie die Bundesbrüder Barkhausen und Hermann Habenicht getroffen. Mit ihnen sei er in den Ratskeller gegangen. Man habe Austern gegessen, alten Wein getrunken und Studentenlieder gesungen. „Außer Habenicht (Theologe und Philologe, zunächst Pfarrer, dann Direktor einer Mädchenschule in Bremen), welcher, bevor er auf die höheren Töchter verfiel, im Dom predigte, war noch ein Pastor dabei, und die ließen auf Deine Gesundheit mit Andacht trinken. Alles dies ging äußerst mäßig und vernünftig zu: es war meine Kur: ich schlief gut und bin zur rechten Zeit wieder aufgestanden."

Clara von Ammon teilte ihrem Bräutigam mit, ihr Vetter Ernst habe von ihrem Bruder Siegfried erfahren, Rösing sei aus der Hannovera ausgetreten und nun Chargierter der Hanseaten in Bonn, wo er „schriftliche Angelegenheiten zu führen habe". Ob sie dies geglaubt hat, ist ungewiss, jedenfalls antwortete ihr Verlobter, sein zukünftiger Schwager habe einen famosen Witz gemacht und passe deshalb gut nach Amerika, wo man mit Humor ungeheuer weit komme. Als Johannes Rösing in Paris Vertreter der drei Hansestädte auf der ersten Internationalen Postkonferenz war, fügte er in seinem Brief an Clara von Ammon vom 13. Mai 1863 unter dem Datum die Wörter “Stiftungstag der EFVH" hinzu, wobei die vier großen Buchstaben ineinander verschlungen waren. Sie bedeuten Ehre, Freiheit, Vaterland sowie Hannovera. Seine Verlobte antwortete ihm, ihr Bruder Bernhard erwarte Rösing zu 15. Stiftungsfest in Göttingen. Dieser antwortete schließlich mit Bedauern, er könne den Teejungen (spöttische Bezeichnung für die Mitglieder der Hannovera) in Göttingen nicht helfen, die Konferenz sei bis dahin nicht beendet. Kurz nach dem Stiftungsfest beklagte sich Rösing bei seiner Verlobten, dass ihr Bruder ihm noch nicht geschrieben habe, um von den Feierlichkeiten zu berichten. Jedoch hat er dann doch eine Entschuldigung für seinen Bundesbruder Bernhard von Ammon bereit: Wer am 15. Stiftungsfest der Hannovera teilgenommen habe, benötige mindesten 15 Tage Regenerationszeit, um einen Brief abfassen zu können!

Clara von Ammon schrieb ihrem Verlobten nach Paris. sie wäre Pfingsten gern nach Düsseldorf zu dem Niederrheinischen Musikfest gefahren, um dort Jenny Lind zu hören. Sie meint, die Sängerin habe doch gewiss nicht mehr ihre ganze Stimme, sie „werde es aber durch ihren Vortrag ersetzen.“ Unklar ist, ob Clara von Ammon wusste, dass Jenny Lind Ehrenmitglied der Hannovera war.

Johannes Rösing bemühte sich auf seinen Reisen, ihm bekannte Bundesbrüder aufzusuchen. Anlässlich seiner Vorstellung in Hamburg bei dem für Außenpolitik zuständigen Senator traf er sich abends mit Bundesbruder Prof. Dr. jur. Ludwig Karl Aegidi. Auf der Rückreise von Paris besuchte er in Frankfurt am Main Bundesbruder Dr. jur. Karl Heussenstamm. Über beide Begegnungen unterrichtete er seine Verlobte. Von Interesse ist auch sein Bericht vom Aufenthalt in Heidelberg, den er seiner Braut zukommen ließ, nachdem er die alten Plätze und Straßen, die er als Student dort abgelaufen war, wieder betreten habe, überlege er angesichts seiner ungewissen beruflichen Zukunft, ob er nicht eine Bierkneipe am Philosophenweg in Heidelberg aufmachen sollte.

Im Juli 1863 begleitete Rösings Mutter ihren Sohn, als dieser auf Helgoland eine Kur antrat. Dort freute er sich, wenn er Bekannte traf, so sein Konsemester Dr. jur. Hugo von Deines aus Frankfurt am Main. Sein Bundesbruder und zukünftiger Schwager Bernhard von Ammon erhielt vom Vater die nötigen finanziellen Mittel, um nach Helgoland zu reisen. Rösing bat seine Verlobte, dass sie ihrem Vater dafür seinen Dank ausrichten solle. Einmal teilte er ihr mit, Helgoland liege im Nebel. Die Antwort kann man getrost als ironisch einstufen: Johannes solle sich doch über den Nebel freuen, denn dann sei er benebelt genug und könne sich das Geld für den teuren Wein sparen. Während sonst der Briefverkehr von Köln nach Helgoland stets über Hamburg und Cuxhaven lief, sandte Clara von Ammon kurz nach ihrem Geburtstag ein Telegramm an ihren Verlobten. Dieses war zunächst gerichtet an: "Submarine Telegraph Company in Connection with the British and Irish Magnetic Telegraph Company, Central Station, 58. Threadneedlc Street. London. E. C.“ Als Text schrieb Clara von Ammon: "the 24th day of July 1863, Cöln 3,50 pm – To Doctor Roesing, Helgoland - Bin recht vergnügt, habe herzliche Briefe von Mutter (gemeint war ihre zukünftige Schwiegermutter) und danke für Deine lieben Glückwünsche Clara" - Auf der Insel erhielt dieses Telegramm einen Umschlag mit der Aufschrift „ Telegraphic Despatsch. By Submarin Telegraph. Doctor Roesing Helgoland Immediate.” und wurde ordnungsgemäß zugestellt. Niemand soll sich wundern, bis 1890 gehörte Helgoland zu England. (Bis 1807 war He1goland als Teil des Herzogtums Schleswig der Dänischen Krone unterstellt. Dann besetzten englische Truppen die Insel, die im Frieden von Kiel 1814 England zugesprochen wurde.)

Man sieht also, die Hannovera spielte eine nicht unbedeutende Rolle im gesellschaftlichen Leben der Verlobten. Das änderte sich auch später nicht, denn z. B. unter dem 25. Januar 1866 teilte Johannes Rösing von Washington D. C. aus seiner in New York weilenden Frau mit, er habe soeben im Weserkurier gelesen, dass die älteste Tochter von Bundesbruder Gustav Struckmann (später Oberbürgermeister von Hildesheim) verstorben sei.

Karriere bis 1884

Sodann wird versucht, an Hand der Briefe. aber auch aus anderen Quellen Auskunft zu erhalten, wie Johannes Rösing versuchte, seiner Karriere als Beamter Fortgang zu geben. Als er 1862 aus Anlass des Todes seines Vaters aus Amerika nach Bremen zurückkehrte, hatte er noch keine feste Anstellung. Eine solche stand aber zum 1. Januar 1863 in Aussicht, wenngleich sie nicht besonders hoch besoldet war. Durch den Tod seines Vaters stand er nicht mittellos da, aber Haupterbe wurde sein Halbbruder Hermann aus der ersten Ehe seines Vaters, welcher Kaufmann, Bankier und Ratsherr der Stadt Bremen gewesen war. Er gehörte jedoch nicht zu den ganz reichen Patriziern, so dass die Erbschaft ohnehin nicht besonders groß gewesen sein wird.

Unser Bundesbruder bemühte sich um eine Stellung im öffentlichen Dienst, die so vergütet wurde, dass er davon eine Familie ernähren konnte. Sogleich fand sich nichts, aber dann stellte sich heraus. dass die drei norddeutschen Republiken auf der ersten Internationalen Postkonferenz in Paris vertreten sein wollten. Bremen schlug den anderen Hansestädten vor, Johannes Rösing zu beauftragen. Sein Freund Rudolph Schleiden, der ihm unter dem 23. April 1863 von Washington

D. C. aus zur Verlobung gratulierte, die er so schnell nicht erwartet hätte, riet ihm, den Auftrag anzunehmen, denn die nicht unwichtige Mission könne für seine berufliche Zukunft einflussreich sein.

Also machte sich unser Bundesbruder auf den Weg nach Hamburg und Lübeck, um sich dort bei den zuständigen Herren vorzustellen. In den Sehreiben aus Hamburg vom 29. bzw. 30. April 1863 bringt er zum Ausdruck, dass sein Besuch beim Minister für auswärtige Angelegenheiten sehr befriedigend war. „Ich war beinah, was selten vorkommt, mit mir selbst zufrieden." Auch die tags darauf beim amtierenden Bürgermeister stattgefundene Aufwartung war ein voller Erfolg, so dass Johannes Rösing andeutete, die Hochzeit könne im September 1863 erfolgen. Aus Lübeck teilte unser Bundesbruder mit, hier seien die Senatoren verbindlicher als in Hamburg: er habe die Besetzung des vakanten Londoner Posten zur Sprache gebracht und angedeutet, dass er diesen gern, wenn auch nur interimistisch, übernehmen würde.

Auf der Reise von Bremen nach Helgoland sprach Rösing in Hamburg nochmals mit einigen Senatoren und erfuhr, wie er seiner Braut am 10. Juni 1863 mitteilte, dass Hamburg mit seiner Verwendung in London einverstanden sei, allerdings ging es noch um die Höhe des Gehalts. Clara von Ammon, die sehr davon angetan war, dass sie nach der Hochzeit in London und nicht in Amerika leben würde, teilte ihrem Verlobten am 26. Juli 1863 mit, sie arbeite mit einigen Dienstmädchen fleißig an der Aussteuer. Am selben Tage erreichte Rösing auf Helgoland eine niederschmetternde Nachricht, worüber er nach Köln schrieb: “Es wird voraussichtlich Nichts mit London u. die Hamburger haben sich so falsch und miserabel gegen mich benommen, dass es mir zweifelhaft ist, ob ich überhaupt auf die Dauer in einem abhängigen Verhältnisse zu ihnen bleiben kann und damit in der diplomatischen Carriere selbst. Du siehst, ich sprach nicht ohne Grund von der Seifenblase, sie ist geplatzt. Zwar kennen die Bremer die plötzlichen Bedenken der Hamburger nicht an u. wollen die Sache nicht aufgeben. Letztere haben gegen mich persönlich auch Nichts als dass ich zu jung (!) und nicht reich genug wäre, auch haben sie (gemeint sind jetzt die Hamburger) ihrerseits keinen Candidaten für den Posten. Aber ich argwöhne. daß sie die wirklichen Anstösse verschweigen: ihr Mangel an Capaciäten, den wir uns zu Gute rechnen, ist ein Umstand der mir als Bremer schadet; auch mag ich ihnen zu selbstständig vorkommen, selbst zu deutsch, denn in Hamburg ist man meistens Nichts, vielfach undeutsch, und wenn es Etwas sein muß höchstens österreichisch. Ihr eigener Geffcken (Heinrich Geffcken, Frankonia Bonn SS 1850, Jurist, Diplomat, 1859 hamburgischer Bevollmächtigter in Berlin) ist ihnen schon viel zu national geworden und sie mögen besorgen, daß Schleiden, Geffcken und ich im Bunde sie mit Sack u. Pack an den National-Verein verhandeln möchten."

Anfang 1864, kurz nach der Hochzeit in Köln, fuhr das Ehepaar Rösing nach New York, denn unser Bundesbruder hatte sich notgedrungen entschlossen, die nunmehr besoldete Stelle eines Legationssekretärs der Bremischen Gesandtschaft anzutreten. 1866 ernannten ihn die Hansestädte zum Geschäftsträger, aber auch dieses Amt behielt er auf Grund der kriegerischen Ereignisse in Europa nicht lange. Kurz vor dem Friedensschluss im so genannten Deutschen Krieg schlossen im August 1866 Preußen und seine Verbündeten sowie die von ihnen besiegten deutschen Staaten nördlich der Mainlinie den Norddeutschen Bund. Das war zwar zunächst nur ein militärisches Schutz- und Trutzbündnis, jedoch einigten sich die Länder, daraus einen Staatenbund zu machen. Zum 1. Juli 1866 trat eine entsprechende Verfassung in Kraft - und fortan ging die Zuständigkeit für auswärtige und konsularische Angelegenheiten in starkem Maße auf den Norddeutschen Bund über. Alle Auslandsvertretungen wurden neu organisiert. In Zuge dieser Revirements ernannte der Norddeutsche Bund Johannes Rösing 1866 zum Generalkonsul in New York; 1871 bestätigte ihn das Deutsche Reich in dieser Position.

Für die weitere Betrachtung ist von Bedeutung. dass auch die konsularischen Angelegenheiten im Auswärtigen Amt ressortierten, an dessen Spitze ein Staatssekretär (heutige Bezeichnung: Minister) stand, der Bismarck nachgeordnet war in dessen Eigenschaft als Kanzler des Norddeutschen Bundes bzw. ab 1871 als Reichskanzler.

Verhältnis zu Bismarck

Darüber hinaus gibt es in dem Briefverkehr zwischen unserem Bundesbruder und einerseits seiner Verlobten, andererseits seinem Freund Schleiden einige Äußerungen über Bismarck sowie damit im Zusammenhang stehende aktuelle politische Ereignissen aus jener Zeit, die bemerkenswert sind.

Bismarck wurde am 23. September 1862 zum preußischen Ministerpräsident ernannt: er war vordem preußischer Gesandter in Frankreich. Am 11. Mai 1863 schrieb Rösing seiner Verlobten aus Paris seine Auffassung zu den anstehenden Wahlen für das französische Parlament: „Heute finden auch mit hoher obrigkeitlicher Erlaubnis die sog. Wahlen statt, die aber Niemanden heiß machen als einige Zeitungsschreiber. Herr von Bismarck kennt den Rummel und will in Preußen ebenso friedliche Zustände einführen; und wenn das preußische Volk fortfährt zu schlafen, Fünfe gerade und den lieben Gott einen guten Mann sein lässt, wird ihm das gelingen.“ Wenige Tage später, am 4. Juni 1863, gab Johannes Rösing seiner Braut eine höhnische Lageeinschätzung, wonach Bismarck als Gesandter in Paris wohl etwas gelernt habe. In der Heimat werde man bald nicht mehr die Kölnische Zeitung zu lesen kriegen und müsse dem Prinzen Karl (fraglich, ob damit Prinz Friedrich Karl, preußischer General der Kavallerie und Neffe König Wilhelm I. gemeint war) die Hand küssen. Die Einwohner Preußens hätten willig ihr Scherflein beizutragen, damit das nützliche Geschlecht der Gardeleutnants ausgebreitet und besser situiert werde.

Auf seiner Rückfahrt von Paris nach Bremen kam unser Bundesbruder am 12. Juni 1863 in Freiburg im Breisgau an. Von dort aus schrieb er an Clara von Ammon: „Gottlob wieder auf deutschem Boden." Er fügte allerdings die negative Analyse hinzu, man müsse sich schämen, ein Deutscher zu sein, wenn man sich ansehe, was man sich durch auswärtige Mächte gefallen lasse. "Falls man in Preußen den Lump von Bismarck dort weiter ruhig gewähren lasse, werde man das bald teuer bezahlen müssen Denn ER (gemeint war der französische Kaiser Napoleon III.) wartet nur darauf, dass er sich mit einigem Anstand aus Mexico herausgewickelt hat (nach Aussetzung der mexikanischen Schuldentilgung hatte u. a. Frankreich 1861 in Mexiko militärisch interveniert und erreicht, dass dort der österreichische Erzherzog Maximilian 1864 als Kaiser eingesetzt worden war, der jedoch nach Abzug der französischen Truppen sich nicht halten konnte und füsilier wurde), um seine Legionen auf Euch (gemeint waren die Preußen, denn auch die in Köln wohnende Familie von Ammon hatte die preußische Staatsbürgerschaft) loszulassen und die franz. Armee freut sich schon darauf wie auf ein großes Treibjagen. Und mit dem heutigen Junker an der Spitze werden wir Dinge erleben, gegen die Jena (gemeint war die vernichtende Niederlage der preußischen Armee in er Doppelschlacht bei Jena und Auerstädt 1806 gegen Napoleon I.) glorreich erscheinen wird. Manche feige Seele wird dabei aber ihren verdienten Lohn bekommen. “

Clara von Ammon berichtet von Niederdollendorf aus unter dem 16. Oktober 1863 ihrem Verlobten in Bremen über das tags zuvor stattgefundene Dombaufest in Köln, über das sie allerdings nur aus zweiter Hand erfahren hatte. Es solle gut abgelaufen sein, allerdings sei König Wilhelm I. nicht erschiene, wahrscheinlich deshalb nicht, weil man Bismarck nicht eingeladen habe. Als sich Rösing mit seinem zukünftigen Schwiegervater in Berlin aufhielt, schrieb ihm seine Verlohte am 24. November 1863 in Bezug auf den preußischen Ministerpräsidenten: „Es freut mich daß es Dir so gutgeht in Berlin, ich kann mir denken, wie sehr es Dich interessirt, könntest Du den Bismarck nur fortschaffen."

Als sich 1864 im Deutsch-Dänischen Krieg die Niederlage Dänemarks abzeichnete, lud England die europäischen Mächte im April 1864 zu einer Konferenz nach London ein. Rudolph Schleiden, der damals der bremische  Gesandte in der englischen Hauptstadt war, beobachtete den Gang der Verhandlungen und teilte seine Eindrücke Johannes Rösing in Washington D. C. mit. Am 10. Juni 1964 schrieb er, immer dann. wenn sich eine Lösung des Konflikts andeute, zeichne sich das Kabinett in Berlin durch Unklarheit und Haltlosigkeit aus, wodurch eine Verständigkeit ungemein erschwert würde. Der preußische Vertreter auf der Konferenz sei darüber so indigniert, dass er intern seine Abberufung erbeten habe. „H. v. Bismarck läßt unter der Hand in Mittel- und Nord-Schleswig gegen die Teilung (der Herzogtümer Schleswig und Holstein) wühlen, und hält, trotz der officiellen Erklärung zu Gunsten der Augustenburger, doch mehr auf die Oldenburgische als auf die Augustenburgische Sezession." - Im Brief vom 17. Juli 1864 zeigte sich Schleiden besorgt, da Bismarck alles mit seiner unklaren Haltung verderben werde, was gewonnen sei, denn wenn nicht bald eine Übereinkunft erzielt würde, könne es noch zu einem europäischen Krieg kommen. - Im Sommer 1864 war Schleiden zur Kur in Bad Gastein, wo sich zur selben Zeit viele Staatsoberhäupter und Minister aufhielten, so auch Bismarck. Unter dem 8. September 1864 schickte Schleiden seinem Freund Rösing eine Nachricht nach Washington D. C. und teilte ihm Folgendes mit: „Auch Bismarck habe ich erst in der letzten Zeit seines Dortseins kennen gelernt, dann aber höchst interessante Unterredungen (eine von 3 ½ Stunden) mit ihm gehabt. Er ist ein geistreicher und gewandter Mann von anerkennenswerter Offenheit und Energie, eben deshalb aber auch um so gefährlicher. Für einen großen Staatsmann kann ich ihn nicht halten. Er hat denselben Fehler wie Freund Seward (William Seward, Außenminister der USA von 1861 bis 1869), dass er es besser versteht, sich aus Verlegenheiten herauszuziehen u. die Fehler seiner Gegner zu benutzen, als Verlegenheiten zu vermeiden."

Als Rudolph Schleiden erfuhr, dass Johannes Rösing 1874 den diplomatischen Dienst verlassen wollte, schrieb er ihm am 7. Juli 1873, er bedauere diesen Entschluss und fügte hinzu: „Verdenken kann ich es Ihnen allerdings nicht, daß Sie eine zusagende Thätigkeit in Bremen der diplomatischen Carriere vorziehen. Unter einem Chef wie Bismarck kann dieselbe nie viel Befriedigung gewähren." Unklar ist, wie Schleiden reagierte, nachdem er erfuhr, dass Rösing 1874 in das Reichskanzleramt eintrat, also ein direkter Mitarbeiter von Bismarck wurde. Ebenso unklar ist, ob unser Bundesbruder, als er sich entschloss, seinen Posten in New York aufzugehen, bereits etwas über seine zukünftige Verwendung wusste. Möglicherweise hatte er sich eingestehen müssen, dass er zehn Jahre zuvor Bismarcks politische Absichten und Fähigkeiten nicht durchschaut hatte.

1874 wurde Johannes Rösing Geheimer Oberregierungsrat und Vortragender Rat im Reichskanzleramt. Von 1880 bis 1892 war er in der Zentralabteilung des Reichsamtes des Innern tätig. Danach ernannte ihn Kaiser Wilhelm II. zum Wirklichen Geheimen Oberregierungsrat und übertrug ihm auf Lebenszeit den Vorsitz des Reichsinvalidenfonds. Diese Behörde war bis zur Fertigstellung des Reichstages 1894 auch zuständig für die Verwaltung des Fonds zur Errichtung des Gebäudes

 

                                                                                 Henning Tegtmeyer (WS 1961/62)