Vor 60 Jahren

 

(Redaktionell insbesondere hinsichtlich der neuen Rechtschreibung geringfügig überarbeiteter Artikel unseres Bundesbruders Walther Rump, geboren 1878 in Dortmund, aktiv 1897, Dr. phil., Physiker, Professor für Medizinische Physik an der Universität Erlangen, dort gestorben 1965, in: Bundeszeitung der Grünen Hannoveraner zu Göttingen, Jahrgang 49 (Neue Folge),  April 1959, Nr. 1,  S. 13-18)

 

Im Frühjahr 1897, als ich noch jung und schön war, ging ich zum Studium nach Göttingen. Ich war nirgends annonciert und konnte mir daher einige Korporationen in Ruhe ansehen. Auch von der Hannovera wurde ich gekeilt. Durch einen Konpennäler, der Straßburger Germane war, hatte ich schon von der Burschenschaft und ihren Prinzipien gehört, und bei der Hannovera hatte ich den besten Eindruck. Mit gefiel dort die kleinere Gemeinschaft, der gute Ton, der dort herrschte, und das tadellose Auftreten, verkörpert durch Hans, der dann mein Leibbursch wurde, Nacke, Seeband u. a. So wurde ich am Stiftungstag  aktiv und habe es nicht bereut. Zu meinen Entschluss trugen natürlich auch äußere Momente bei, vor allem die schöne Kneipe im Hause der Gesellschaft Union. Außer dem großen Kneiplokal , an das sich eine Veranda nach dem Garten anschloss, hatten wir ein kleines Zimmer für Konvente und das gemeinsame Mittagessen und eine Garderobe.

 

Wenn diese Unterkunft auch nicht mit einem eigenen Haus zu vergleichen war, so bildete sie doch einen würdigen Rahmen für das 50. Stiftungsfest, zumal dafür auch weitere Räume und der Garten zur Verfügung gestellt wurden. Der glanzvolle Verlauf dieses Festes ist von Lampmann in seiner „Geschichte“ gebührend gewürdigt worden. Für uns junge Aktive war es ein Ereignis, das sich für Lebenszeit einprägte. Die zahlreichen Alten Herren im Schmuck ihrer Mützen, Orden und Uniformen, Abordnungen befreundeter Burschenschaften gaben ein farbenfrohes Bild, das ich nie vergessen habe. Den Höhepunkt und Abschluss bildete die Ausfahrt nach dem Hardenberg mit Musik und Chargierten zu Pferde, in etwa 40 Wagen, bei denen allerdings die letzten deutlich zeigten, dass sie vom Lande requiriert waren, Göttingen konnte  nicht so viele stellen. In Erinnerung ist mir auch geblieben, dass Exzellenz v. Otto mich nach alter Sitte mit einem Bruderkuss beehrte, was mir äußerst peinlich war.

 

Damals war für die Aktivitas das Couleurtragen Pflicht während des ganzen Semesters; Couleursenken galt als unwürdig und wurde entsprechend bestraft; doch gab es selbstverständlich auch Dispens für bestimmte Gelegenheiten. An offiziellen Zusammenkünften hatten wir Sonntag Weenderbummel mit anschließenden Frühschoppen auf der Kneipe, Montag Konvent, Mittwoch Spielkneipe, Samstag Kneipe, ferner jeden Morgen um 7 bzw. 8 Uhr eine Stunde Fechtboden in einem gemieteten Saal und Samstag Mensuren. Morgens weckte der Couleurdiener, putzte Stiefel und Kleider und fragte nach besonderen Wünschen. Bei der Kneipe herrschte Bierkomment, aber in sehr gemäßigter Form; ich habe ihn niemals unangenehm empfunden.  Übermäßig viel wurde im Allgemeinen nicht getrunken, die „Jöttinger Jülle“ war nicht sehr süffig. Man saß in Kneipjacke und Mütze (Tönnchen gab es nicht) mit den meist zahlreich vertretenen Kneipgästen  in angeregter Unterhaltung  und rauchte seine Zigarre oder Pfeife, meist kurze Pfeife mit Porzellankopf und Wappen, auch die bis zum Boden  gehende lange Pfeife war noch üblich, während Zigaretten noch kaum in Mode waren. Meist war auch eine ganze Meute von Hunden dabei, vom Mops, der seinem Herrn, einem Verkehrsgast, sehr ähnlich sah, über Dackel, Pudel, Boxer, Dalmatiner bis zur großen Ulmer Dogge, Ajax, dem Couleurhund, der auch auf dem Weenderbummel paradierte. Der schwarze Pudel gehörte Nacke, ihm wurde beim Stiftungsfest ein Ring um den Leib kahl geschoren und grün-weiß-rot angestrichen. Die Hunde labten sich an dem Dröppelbier; es wurde nämlich immer vom Fass getrunken, das im Kneiplokal angesteckt wurde, anfangs auf Repartition. Das war natürlich für die weniger Trinklustigen ein Nachteil, und später wurden Biermarken eingeführt. Ich war kein Freund davon und erlaubte mir den Scherz, zusammen mit Heuer einmal alle Biermarken aufzukaufen; es gab dann ein großes Hallo, als auf der Kneipe plötzlich die Bierausgabe stockte. Eine Zeitlang kamen wir mittwochs zum Dämmerschoppen im Ratskeller zusammen, dort gab es sehr gutes schwarzbraunes Erlanger Bier, dazu aß man ein Solei für 10 Pfg. mit Pfeffer und Salz, Essig und Öl, Senf und englischer Soße. Nach dem Mittagessen gingen wir gewöhnlich in das Café National am Leinekanal neben dem alten, damals dem einzigen Physikalischen Institut, und tranken eine Tasse Kaffee für 20. Pfg., bedient von dem echt Wiener Ober Stephan.

Aus der Aufzählung der offiziellen Veranstaltungen geht schon deutlich hervor, dass der Pauk- und Mensurbetrieb das größte Anliegen unserer Hannovera war. Das Einpauken erfolgte durch die älteren Semester; nur im Säbelfechten nahm man einen Kurs beim Univ.-Fechtlehrer. Für die Rezeption als Bursch waren zwei als genügend anerkannte Mensuren erforderlich, frühestens im zweiten Semester.  Fuxtaufe oder Fuxenbrennen hatten wir nicht. Nach vier Semestern erfolgte die Inaktivierung. In Göttingen war die enge Mensur (eine Speerlänge Abstand) mit festem Stand und eine starre, vielleicht zu starre Haltung üblich, Art der Auslage und Anhieb waren vorgeschrieben.  Die Mensur sollte zu Standhaftigkeit und Unerschrockenheit erziehen; daher war ein Mitgehen des Körpers beim Fechten oder gar eine Bewegung des Kopfes, die als ein Ausweichen vor dem Hieb des Gegners gedeutet werden konnte, streng verpönt. Wurde solches festgestellt, dann war die Mensur ungenügend, und es konnte auf Reinigung durch eine neue Partie erkannt werden.  Drei ungenügende Partien hatten den Verlust des Bandes zur Folge; doch ist dieser Fall sehr selten eingetreten. Die scharfen Vorschriften führten naturgemäß häufig zu einer verkrampften Haltung und zu einem sturen Drauflosbolzen. Aber es gab auch gute, ja elegante Fechter bei voller Einhaltung der Bedingungen, wie Nacke, Otto Plass, Marquardt gezeigt haben.

 

Damals bestand zwischen de Hannovera und den anderen Burschenschaften, insbesondere den Brunvigen, ein sehr gespanntes Verhältnis, zum Teil verursacht durch die unverschuldete Dimission, und es hagelte nur so PP-Suiten. Da mussten alle paukfähigen Burschen, oft auch die Inaktiven antreten. Von den Sekundanten wurde bei der geringsten Gelegenheit auf Haltung des Gegenpaukanten, vorzeitiges Einfallen des Sekundanten u. dergl. angefragt; die Folge davon war dann eine Sekundantenkontrahage, die meist sofort ausgetragen wurde. So kam es vor, dass einer am gleichen Tage zweimal focht. Die Hannovera hat damals trotz zahlenmäßiger Schwäche gut durchgehalten, und es folgten dann auch wieder ruhigere Zeiten.

 

Als Pauklokal diente der Saal einer Wirtschaft bei Weende (später in Grone ), die an einer Chaussee lag mit weitem Blick nach beiden Seiten. Das war notwendig, weil das Mensurenschlagen offiziell verboten, aber weitgehend geduldet war, nur auf eine Anzeige hin wurde zuweilen kontrolliert. Durch aufgestellte Wachen wurde dann gemeldet, wenn ein Gendarm in Sicht kam; bis der dann (zu Fuß) anrückte, wurde schnell alles eingepackt, die Paukanten kamen in einen Nebenraum, und wenn dann der Gendarm seinen vorgeschriebenen Augenschein nahm, fand er die Studenten friedlich beim Bier, er bekam seinen Schoppen und ging wieder; die Partie wurde dann fortgesetzt. Man konnte mit Mensurmütze und Kompresse gehen und auch Kollegs besuchen. Nur bei Säbelpartien war größere Vorsicht notwendig. Bei Schlägermensuren war stets auch ein nicht studentisches Publikum zugegen, das die Partien kritisch beurteilte und dafür sorgte, dass in der Stadt die Erfolge und Misserfolge schnell bekannt wurden.

 

Neben dem Fechten wurde kein Sport getrieben, das war damals nicht üblich. Einige nahmen einen Reitkurs beim Baron Münchhausen, dem Univ.-Stallmeister, einige spielten Tennis, aber alles inoffiziell. Zum Schwimmen war wenig Gelegenheit. Die Chargierten machten bei Semesteranfang ihren Besuch beim Rektor, im Übrigen war des dem Einzelnen freigestellt. Man wurde dann zuweilen eingeladen; aber die Burschenschaft veranstaltete keine Tanzkränzchen oder dergl. Am Mittwoch-nachmittag war Mariaspring bis 8 Uhr couleurfähig; dort konnte man mit Bürger-

töchtern tanzen. Man ging ins Theater und besuchte Konzerte; besonders beliebt waren die Bierkonzerte der Militärkapelle mit „Bullerjahn“ und dem „schönen Meier“; vielleicht gibt es das jetzt noch. Sonntags machten wir Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung nach den bekannten Zielen. Ein Ort ist mir in kulinarischer Beziehung in angenehmer Erinnerung geblieben; es war eine schön im Wald gelegene Mühle, den Namen habe  ich leider vergessen; man fuhr mit einem Kremser (Luftwagen) dahin. Dort gab es große Scheiben Bauernbrot mit Butter und dick mit gewürfeltem Schinken belegt für 30 Pfg., dazu ein gutes Bier von netten Müllerstöchtern kredenzt; da konnte man es wohl aushalten. Bei ungünstigem Wetter gingen wir gewöhnlich zur Exkneipe, die damals in der Brauerei in Weendespring war; dort wurde allerlei Kurzweil getrieben wie Mogelramsch, umgekehrtes Semester u. dergl.  Im Winter – es waren damals strenge Winter mit viel Schnee – machten wir auch Schlittenpartien  mit einer Reihe klingender Pferdeschlitten, die häufig Mutter Jütte in Bremke mit Feuerzangenbowle zum Ziel hatten. Einmal fuhren wir auch auf zwei Tage zum Winterfest nach Andreasberg und verlebten dort schöne Stunden mit Fahrten im tief verschneiten Wald. Dort sah ich zum ersten Mal Skilaufen, aber nicht als Sport, sondern als Kindervergnügen neben dem Rodeln.

Mit Politik beschäftigten wir uns nicht offiziell. Man sprach selbstverständlich darüber. Ich erinnre mich, wie ich mit Donner, der damals in Göttingen weilte, nach der Kneipe – wir gehörten meist zu den Letzten – unter eifrigem Gespräch über die Zeitgeschehnisse durch die stillen Straßen der Stadt wanderte. Aber Vorträge, Referate, Diskussionen darüber zu halten, das hätten wir uns nicht zugetraut, und wir überließen es lieber erfahreneren Männern. Man ging auch zu Wahlversammlungen, auch zu Bebel und Ahlwardt – zu Letztere mehr aus Jux -, um auch die Gegenseite kennen zu lernen.; aber damit hatte es auch sein Bewenden. Man war liberal und kaisertreu, man fühlte sich sicher in dem von Bismarck gefestigten Reich. Es waren andere, friedlichere Zeiten, eben die gute alte Zeit. Damals bestanden Goethes Verse „… wenn hinten, weit, in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen.“ noch zu Recht. Heute ist die Welt kleiner geworden, wo man schon in Stunden den fernen Osten erreichen kann, aber auch umgekehrt dieser uns. Damals hatte gerade Lilienthal seine Versuche in Gleitflug gemacht, Röntgenstrahlen und Radioaktivität waren erst kurz vorher entdeckt, es gab noch kein Radio, vom Fernsehen ganz zu schweigen, es gab kein Auto, kaum eine Schreibmaschine, das Fahrrad war noch nicht allgemeines Fortbewegungsmittel, der Fußgänger beherrschte das Straßenbild. Es war gegenüber der heutigen, nervösen Betriebsamkeit eine geruhsame Zeit.    

In unserer Burschenschaft wurde viel Wert auf gutes Benehmen, anständigen Ton und gutes äußeres Auftreten gelegt. Bei festlichen Gelegenheiten trug man den Cut, damals Schwalbenschwanz genannt, mit geblümter Weste und grauer Hose mit breiten Streifen an der Seite, dazu Stehkragen bis unter die Ohren und einen Couleurstock aus Rohr mit Elfenbeingriff. So stolzierte man auf dem Weender-bummel. Auch ins Kolleg ging man nur in vollständigem Anzug, in kurzem Wichs oder in Hemdsärmeln zu erscheinen, wäre unmöglich gewesen. Die Professoren lasen in schwarzem Gehrock; doch taten die jüngeren Dozenten da schon nicht mehr mit. Studentinnen gab es noch wenig; sie wurden nur als Hörer zugelassen und mussten die besondere Einwilligung des Dozenten haben. Im Physikkolleg waren zwei nicht mehr ganz junge Damen in hochgeschlossenem Kleid mit Rock bis zum Boden. Wie hat sich auch das geändert!

 

Göttingen war damals eine richtige Kleinstadt (etwa 25.000 Einwohner), die Straßen mit Kopfsteinpflaster, die Gehsteige (außer der Weender) nicht viel besser, meist nur in der Mitte mit einer Reihe Platten (dem „breiten Stein“ des Liedes?) belegt. Bei Regen floss das Wasser aus den Fallrohren der Dächer über den Gehsteig in die Straßenrinne. Die meisten Häuser waren noch nicht an die Kanalisation ange- schlossen; daher waren die hygienischen Verhältnisse miserabel. Es gab kaum eine Badegelegenheit. Die Aborte waren an das Tonnensystem angeschlossen, eine wenig erfreuliche Angelegenheit; aber direkt unangenehm wurde es, wenn im Winter in stark frequentierten Gaststätten die Sache gefror und sich zu einem Kegel auftürmte. Da besaß unser Kneiplokal einen großen Vorteil, es hatte schon WC‘s!  Die Straßenbeleuchtung bestand aus Gaslaternen mit offenen Brennern. Es gab keine Verkehrsmittel, keine Straßenbahn, keine Droschken: wenn man fahren wollte, mussten man einen Wagen beim Posthalter bestellen. Später kamen Taxameter auf, sehr nette Einspänner in Viktoriaform, und zweispännige Landauer; sie wurden viel benutzt.

 

Die Wohnverhältnisse waren für die etwa 1200 Studenten recht gut; man fand immer eine Bude. Es waren gewöhnlich zwei Räume, ein Zimmer mit einer alten Sofa- garnitur, einem als Schreibtisch frisierten gewöhnlichen Tisch mit Büchergestell, einem eisernen Ofen für Holzfeuerung und einer Petroleumlampe, dazu eine einfache Schlafkammer. Das kostete für das Semester, das damals länger war als heute, um 100 Mark; wenn man die Ferien dort blieb, kostete es auch nicht mehr. In Bezug auf die Preiswürdigkeit hat wohl Marquardt damals den Vogel abgeschossen, seine Bude kostete 35 Mark; man musste allerdings mehrere Höfe und Holzgalerien passieren, bis man hingelangte, auch war das Zimmer so niedrig, dass er wegen der Deckenbalken bei seiner Größe (nahe 2 Meter) nur in einer Richtung aufrecht gehen konnte.  Aber die Zimmer in den alten Häusern waren alle recht niedrig, so konnte Marquardt in meiner wesentlich feudaleren Bude einmal, als er mich morgens verkatert noch im Bett fand, ohne Mühe an einen Deckenbalken den schönen Spruch schreiben: „Von der Wiege bis zur Bahre …“

 

Als ich nach Göttingen kam, gab es dort noch die schöne Einrichtung der Nach- wächter, nicht mit Spieß und Horn, sondern mit einem Spazierstock bewaffnet, mit dem sie allerdings nicht viel ausrichten konnten Das verlockte natürlich zu allerhand Ulk. So erinnere ich mich noch an eine Episode, als Nacke einmal, nachdem die spärlichen Leuchten in der Unteren Masch, wo viele Grüne  wohnten, ausgedreht waren, mit einem Nachthemd angetan als Gespenst den Nachtwächter Heinemann mit dumpfen Rufen schreckte und dieser voller Wut mit geschwungenem Stock hinter Nacke her war, natürlich ohne ihn zu erwischen. In dieser Art hatten die Wächter der Nacht viel zu erdulden; aber sie wurden auch mit Bier und Schnaps getränkt, wenn sie Feierabend zu gebieten versuchten. Als der Unfug überhand- nahm, wurde sie durch Polizeipatrouillen ersetzt. Da waren wir einmal dabei in der Weender jemandem ein Ständchen zu bringen, als plötzlich ein starkes Polizei- aufgebot, natürlich zu Fuß, anrückte.  Wir suchten unser Heil in der Flucht, die auch restlos gelang, nur Mitscherlich hatte das Pech, vom Wall in den Botanischen Garten zu fallen; ihm selbst passierte nicht viel, aber sein schönes Piston, dem er vorher die schönsten Töne entlockt hatte, geriet beim Fall unter ihn und war hin.

 

Das Leben in Göttingen war ziemlich billig, ein gutes Mittagessen kostete 1 Mark, mit einem Wechsel von 150 Mark konnte man sehr gut auskommen, die meisten hatten weniger. Dazu kam, dass fast überall gepumpt wurde; das war für den Augenblick sehr schön, verführte aber zu vielen unnötigen Ausgaben, und das dicke Ende kam nach. Meist auf dieser Basis blühte ein ausgedehntes Dedikationswesen; man beschenkte sich gegenseitig mit schönen Couleursachen, die im späteren Leben Erinnerungen wach hielten. Mir ist von all dem nur ein kleiner Rauchtisch geblieben, alles andere, auch alle kolorierten Couleurbilder, haben die Ami als Andenken mitgenommen.

 

Ich war mit Unterbrechungen bis 1901 in Göttingen. Später bin ich nur noch zweimal hingekommen, zum 75. und zum 85. Stiftungsfest. Beide Male waren die Veranstaltungen von äußeren Umständen überschattet. 1923 ging die Inflation gerade ihrer höchsten Blüte entgegen. Es waren aber trotzdem viele Bundesbrüder erschienen und ich habe viele alte Freundschaften auffrischen können. Zum Schluss habe ich aber 1,5 Millionen Mark pumpen müssen, um nur wieder nach Hause zu kommen.

 

1933 war es schlimmer, das kommende vorläufige Ende war schon deutlich zu spüren. Äußerlich war dem Verlauf des Festes nicht viel anzumerken, aber im Inneren trat eine Spaltung hervor, die zu unserem Wahlspruch, was die Einigkeit anbelangt, in bösem Gegensatz stand. Ein Teil der jüngeren Bundesbrüder  hatte sich von den neuen Rattenfänger von Hameln betören lassen, aber der Großteil war entschieden dagegen. Auf dem Kommers, bei dem man unbekannte Mützen von Korporationen sah, die plötzlich Burschenschaft geworden waren, wurden schöne Reden geredet, auch von einem Naziabgesandten, der die Burschenschaft pries, die ein Vorbild sein und alle Korporationen umfassen sollte. Was von solchen Sprüchen zu halten war, hat man dann ja bald genug erfahren. Die ablehnende Haltung der Hannovera wurde auf dem Kommers deutlich, als das Horst-Wessel-Lied gesungen werden musste. Marquardt verließ unter Protest das Lokal, und der Gesang fiel aus Mangel an Beteiligung geradezu kläglich aus. Später hat dann, wie bekannt, die Altherrenschaft den Übertritt zum NS-Altherrenbund verweigert, die Folge war die Beschlagnahme unseres Hauses „wegen Sabotage am Werk des Stellvertreters des Führers“.  Aber das ist ja nun auch glücklich vorüber gegangen. Wir wollen hoffen, dass solche Zeiten nicht wieder kommen und dass die Zukunft unserer Hannovera weitere Blüte beschert, ad multos annos!

 

                                                                                                 Erlangen, im März 1959

                                                                                                         Walther Rump