Das waren noch Zeiten!

1928-1929

 

(Redaktionell insbesondere hinsichtlich der neuen Rechtschreibung geringfügig überarbeiteter Artikel unseres Bundesbruders Werner Freytag, geboren 1908 in Lauscha (Kreis Sonneberg), aktiv WS 1928/29, Dr. med. dent. et  Dr. med., Zahnarzt, Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie in Göttingen, gestorben 1991 in Friedland-Reckershausen (Kreis Göttingen), in: Bundeszeitung der Grünen Hannoveraner zu Göttingen, Jahrgang 70 (Neue Folge), Göttingen, April 1981, Nr. 1, S. 28-32)

 

Als ich in den Jahren 1927 bis 1929 an der alma mater Georgia Augusta in Göttingen mit meinem Studium der Humanmedizin, der Zahnheilkunde und der Biologie begann, wie sah es da in dem trauten Musenstädtchen aus. Die Universität residierte in einem Städtchen von 45.000 Einwohnern, vorwiegend Beamte, Kaufleute und Freiberufler. Industrie gab es wenige. Die allenfalls 4.000 Studenten – insbesondere die Korporierten – beherrschten das Straßenbild. Es war schon farbenprächtig anzusehen, wenn die Angehörigen der etwa 16 couleurtragenden Verbindungen beim abendlichen Bummel die Weender Straße belebten.

An den Häusern der Innenstadt, die zum größen Teil auch heute noch in mittelalterlicher Architektur und Farbenpracht der Holzfachwerke erfreuen, zeugten zahlreiche Marmortafeln davon, dass bedeutende Männer hier gewohnt haben. – Ehrwürdige Kirchen, die sogar den Dreißigjährigen Krieg überstanden und heute noch stolze Wahrzeichen der Stadt sind, betonen Tradition und Bürgersinn. – Am löwenbewehrten, trutzigen Rathaus stand auch vor 50 Jahren schon der Gänselieselbrunnen. Manch junger Fuchs, aber auch frischgebackene Doktoren stiegen zum bronzenen Mädel hoch, um es zu küssen. In der Umgebung des lieblichen Gänseliesels kann es auch manchmal zu Raufereien mit händelsuchenden, alkoholisierten Jungmannen der verschiedenen Verbindungen. Auch derbe Keilereien mit Angehörigen der Gilden der Schlachtergesellen kamen vor. So resultierte ein Erlass Seiner Magnifizenz, dass das Stehenbleiben auf dem Markt nach Mitternacht den Studenten untersagt sei. – Auch einen Karzer gab es noch. Manch allzu forscher und laut singender Studiosus, der sich der Stadtpolizei bei einer Verwarnung zur Wehr setzte, wurde vom Universitätsgericht für einige Tage in dieses Studentengefängnis gesteckt. Obendrein gab es eine Geldstrafe.

 

Die folgenden vergnüglichen Erinnerungen mögen zur Charaktersierung des Lebens im damaligen Göttingen beitragen. Vier Angehörige verschiedener Burschenschaften und ein „Fink“ machten einmal eine Kneipenrunde. Von einem Alten Herrn gegen 7 Uhr abends im Schwarzen Bären eingeladen, labten wir uns wie hungrige junge Wölfe bei je einer Kalbshaxe, Bratkartoffeln und Sauerkraut. Durch einige Biere und Klare wurde der Genuss verdoppelt. Dann ging‘s zur Alten Fink, zum Ratskeller und schließlich zum Rohns. An einem Ecktisch im Saal ließ uns besagter Alter Herr, bevor er wieder nach Kassel abfahren musste, eine Feuerzangenbowle zelebrieren. Die Fidulität stieg, der Alkoholspiegel nicht minder. Gegen Mitternacht brachten wir den Alten Herrn zu seinem Wagen auf dem Vorhof des Rohns. Wir selber ließen uns eine Taxe kommen und brausten zu „Mutter Jütte“ nach Bremke. Saßen wir dort auch dicht gedrängt in der dörflichen Kneipe, so reichte der Platz doch, um noch eine Bockwurst mit Salat und einige Bierchen mit Appetit zu verzehren.

 

Das Lokal „Mutter Jütte“ in Bremke sollte auch heute noch jeder Student besuchen. Abgesehen von der anheimelnden Atmosphäre ist es ein Genuss, in den vielen dicken Folianten nunmehr über fast ein Jahrhundert alte Eintragungen von Jung- und Altakademikern zu lesen. Froh beschwingte Gedichte, launige Berichte, aber auch wehmütige Erinnerungen alter Semester an das Einst kann man in den Wälzern auffinden. Zahlreiche Namen inzwischen weltweit bekannter Männer tauchen auf, markante Namenszüge beliebter Professoren.

 

Es war schon fast 6 Uhr morgens, als wir mit einer Taxe nach Grone fuhren. Dort begannen am Sonnabend schon um 7 Uhr in der Frühe die Schlägerpartien der Göttinger Burschenschaften. Da heute sechspaarige PP-Partien fällig waren, wollten wir das Schauspiel unserer Burschenschaften nicht versäumen. – Terz, Quart, Zieher, Hakenquart und Streicher zischten beachtlich gekonnt. Die Fechtweise war völlig anders als heute. Nicht im Wechseltemposchlag, man haute jeden Gang rasch ad libidum herunter. Natürlich war das Resultat weit blutiger als heute. – Blutgeruch, Bierdunst und Raucherqualm machten uns gegen Mittag so müde, dass wir unsere Buden aufsuchten und hundekaputt bis in den Sonntagmorgen hineinschliefen. – Der Exbummel am Nachmittag verhalf mit Nikolausberger Ozon dem Gehirn wieder mehr Klarheit, und am Montagmorgen waren wir wieder allesamt fleißig in den diversen Hörsälen. Nachmittags werkten wir beim Präparieren.

 

Allgemeiner Liebling von uns Medizinern war der von uns hochgeschätzte, wie ein römischer Imperator aussehende Professor Fuchs. Ein gewaltiger Schmiss vom Jochbein bis zum linken Mundwinkel gab seinem markanten Gesicht ein martialisches Aussehen. Er war im Vortrag nicht nur mit angenehm modulierter Stimme zu hören, er konnte auch mit Sarkasmus und Ironie manche weibliche Hörer erröten lassen. Oft waren seine Witze etwas frivol, würzten aber seine stets interessanten, spannenden Vorlesungen. Er malte die anatomischen Skizzen so ein-

drucksvoll an die Tafel, dass allein dadurch schon viel von den Vorlesungen haften blieb.

 

Auch an so manche andere Annehmlichkeiten des damaligen Göttinger Milieus erinnere ich mich gern. So war es ein erholsamer Genuss, im Café Lipfert oder bei „Cron und Lanz“, mit Band und Mütze angetan, Ausschau nach minnedienstlichen Anregungen zu halten. Dafür sorgten auch die Pensionate Pasie und Wultze, deren junge Damen bei den Verbindungen zu Bällen und anderen Festlichkeiten eingeladen wurden.

 

Auch Mariaspring, das seinerzeit ebenso beliebte wie berühmte Ausflugslokal, an der Plesse gelegen, war ein beliebter Treffpunkt der Korporationen. Man saß dort auf langen Bänken an Tischen, die an den von der Tanzfläche und dem Orchester terrassenartig aufsteigenden Hängen aufgestellt waren. Bier, Musik und Tanz in der waldreichen, romantischen Umgebung und dazu noch oft reizende junge Damen: das ließ unsere Herzen höher schlagen. Erfreulicherweise gab es da draußen keine Händel, Ramschereien, da hier durch Korporationsbeschluss Burgfrieden vereinbart war.

 

Erwähnt werden sollte auch noch, dass der „Bullerjahn“ ursprünglich nicht im Ratskeller, sondern im „Bürgergarten“ stattfand. Dieses Lokal befand sich dort, wo heute die Stadthalle steht, also dicht vor unserem Haus. Es lag romantisch in einem Garten, von Buschwerk umgeben. Mit schneidigen Märschen, aber auch mit Operettenmusik wurden die Korporierten angelockt. Das Bier floss im wahrsten Sinne des Wortes in Strömen und ließ bei den Studikern den Kamm schwellen. Der frohe Sängerschall wurde hin und wieder von mancher Säbelkontrahage am Rande aggressiv unterstrichen.

 

Wie überall, so hat sich auch in und um Göttingen in den letzten 50 Jahren vieles verändert. Mariaspring und die beliebten Kremserfahrten dorthin gibt es nicht mehr. Außer zu den Stiftungsfesten, und auch da nicht allzu häufig, sieht man kaum noch farbentragende Studenten, und das, obwohl die Anzahl der Korporierten größer ist als damals. – Statt seinerzeit etwa 4.000 Studierende sind heute etwa 26.000 immatrikuliert. Auch die Stadt Göttingen hat sich um das Dreifache vergrößert, ist heute mit 120.000 Einwohnern eine Großstadt. Schließlich bestehen auch die Pensionate nicht mehr.

 

Aber auch die seelisch-geistig Haltung der Studierenden hat sich bei vielen nachteilig verändert. Viel von der positiv-frohen, aber auch zielbewussten Einstellung des größten Teils der seinerzeitigen Studenten ist durch das, was über Deutschland und die Welt im und nach dem Zweiten Weltkrieg hereingebrochen ist, verloren gegangen Die heutige Jugend ist kritischer geworden. In den Verbindungen, gerade in den Burschenschaften, sollte es vornehmliche Aufgabe sein, den jungen Menschen durch ein Begreifen des Werdens, des Gewordenseins deutscher Geschichte, durch das Verstehen von Ursache und Wirkung und von der Relation „Leistung-Verantwortung-Forderung“ Pflicht und Disziplin als erstrebenswert erscheinen lassen. Humanitas und nutzvolle soziale Einstellung kann nur aus Solidarität hervorgehen. In diesem Sinn einer Hinerziehung könnten die Korporationen ein Element auch staatlichen Integrationsbewusstseins werden.

 

                                                                                                               Werner Freytag